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Der bekannte in Marseille lebende Autor Lou Marin,- in „Ursprung der Revolte“ setzte er sich fundiert und höchst spannend mit Camus in bezug auf libertäre Rezeption auseinander - hat sich an der Erarbeitung einer Biographie zu Simone Weil beteiligt. Auf seiner Lesereise in Österreich konnte er gewonnen werden, sich auch in Salzburg zu einem Informationsabend zur Verfügung zu stellen. Am Sonntag, den 26. November präsentierte er eine Einführung in die neu erschienene Biographie sowie Inhalte der Hauptwerke und einige der historisch verankerten bedeutsamen Gedankengänge Simone Weil’s.

Die Philosophin Simone Weil (1909 bis 1943) bezeichnet Lou Marin als ein Genie, sie war jüdischer Herkunft, aufgrund der Verhältnisse jedoch ohne Zugriff zu dieser Kultur und Tradition, sie wurde assimiliert, schon im zarten Alter von neun Jahren beherrschte sie die griechische Sprache.
Ihr Leben wurde von einer pazifistischen, einer anarchistischen und einer christlichen Lebensphase geprägt. Sie wird primär als gewaltkritische Anarchistin diskutiert. Ihre Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg 1936 fundierte ihre Kritik an revolutionärer Gewaltanwendung, So hatte sie etwa formuliert: der Krieg ist das Grab der Revolution. Sie hatte betont, dass es überall eine Notwendigkeit darstellt, Gewalt zurückzudrängen, angesichts des Nationalsozialismus und Faschismus war sie bereit, eine gewaltsame Auseinandersetzung anzuerkennen, sie hatte jedoch betont, dass es für sie nicht in Frage kommt, individuell einen Menschen zu töten. In dieser Lebensphase war sie zwar an der Front im spanischen Bürgerkrieg mit einer Waffe ausgerüstet, hatte sich jedoch nicht vorstellen können, selber zu töten. Ihre Erfahrungen an der Front, ihr Erleben der Verrohung und Brutalisierung menschlicher Existenz ließ sie daran zweifeln, dass eine gewaltsame Organisationsform jemals menschliche Freiheit bringen könnte, die kritischen Reflexionen ihrer Frontbriefe beleben bis heute die Diskussion.

Im Gegensatz zum wissenschaftlichen Mainstream erarbeitete diese Philosophien ihre Erkenntnisse aus ihrer Erfahrung. Sie betonte stets, dass erst die eigene Lebenserfahrung Rückschlüsse zulassen kann und kritisierte in diesem Zusammenhang sehr unmittelbar den traditionellen Marxismus. Lenin warf sie etwa vor, Theorien auf einer Basis zu entwickeln, die den Menschen nicht gerecht werden, sie stellt die Frage, wie es möglich sein soll, wirklichkeitsnah zu sein, ohne jemals in seinem Leben einen Fuß in eine Fabrik gesetzt zu haben. An seiner Methode wirft sie Lenin vor, dass sie den Eindruck gewonnen hat, er würde sich etwas in seinem Kopf ausdenken, dann jene Beispiele suchen, die ihm in dieses Konzept passen, um die ohnehin vorher schon feststehenden Gedanken nur noch zu bestätigen, alles, was sich in dieses Konzept nicht fügt, außer acht lassend. Wohl gab es zu dieser Zeit heftige Debatten und intensive Auseinandersetzungen mit den marxistischen Strömungen, die Deutlichkeit, Unverblümtheit und intellektuelle Tiefe ihrer Kritik
lieĂź jedoch viele Menschen aufhorchen.

Es war Teil ihrer Herangehensweise, den Verhältnissen, welche sie analytisch zu fassen vermochte zunächst mit eigener Erfahrung zu begegnen. Sie beschäftigte sich primär mit dem Begriff der Freiheit in der Arbeitswelt, nicht jedoch, ohne jahrelange Erfahrung in der Fabriksarbeit gesammelt zu haben. Nach ihrer täglichen Arbeit in den Fabriken führte sie Tagebuchaufzeichnungen, um zu reflektieren, was die Installation dieser Arbeitsgestaltung für sie bedeutet hat. So schuf sie die Differenzierung in Unterdrückung und Ausbeutung. Lange bevor der Begriff der Technokratie in die Debatte eingeführt wurde, setzte sie sich mit jenen strukturellen Gewaltfaktoren auseinander, die dem technokratischen und bürokratischen Apparaten zugeordnet werden können.

Betont wurde von Lou Marin ein Ausschnitt aus ihrer Sichtweise dem Seinsbegriff des Menschen gegenüber. Simone Weil verortet die Kategorisierung in „Gut“ und „Böse“ als Ausgangsbasis, die jene Grundbedingungen schafft, welche die Minderbewertung, Abwertung, Entwürdigung, Entmenschlichung und folglich jede Form von Gewaltanwendung, bis zu Folter und Massaker ermöglicht. Was Hannah Arendt sehr viel später mit der ‚Banalität des Bösen’ bezeichnet hat, hatte Simone Weil bereits angedacht und formuliert. Wer soziales Leben auf Basis der Kategorisierung menschlicher Existenz betrachten möchte, nimmt Verurteilung in Kauf, begibt sich bereits auf ein Terrain, welches in letzter Konsequenz den „Herrenmenschen“ schafft.

Allen, die jetzt Lust verspĂĽren mehr zu erfahren, sei die Biographie ans Herz gelegt: Charles Jacquier (Hg.):
Lebenserfahrung und Geistesarbeit. Simone Weil und der Anarchismus. Erhältlich über den Buchverlag der Graswurzelrevolution.

Ihre Werke sind in Österreich vergriffen, wer interessiert ist, kann sie im Büro der Arge Wehrdienstverweigerung, Gewaltfreiheit und Flüchtlingsbetreuung (Kulturgelände Nonntal, Josef-Preis-Allee 16, 5020 Salzburg) einsehen.



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