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Ida Kuklina vom „Komitee der russischen SoldatenmĂŒtter“ aus Moskau hat im Juni 2005 in Salzburg die Arbeit der SoldatenmĂŒtter beschrieben. Insbesonders wurde die Friedens- und Meschenrechtsarbeit in Tschetschenien thematisiert.
Die russischen SoldatenmĂŒtter gibt es bereits seit 1990, das Komitee hat sich 1993 konstituiert.

SelbstverstÀndnis
Nach eigenem SelbstverstĂ€ndnis reprĂ€sentieren die SoldatenmĂŒtter all jene Menschen, die außerhalb der Machtstrukturen angesiedelt sind, sie wollen attraktiv fĂŒr jene Menschen sein, die sich außerhalb der Herrschaftsstrukturen angesiedelt sehen und stehen politisch links.
Ida Kuklina beschreibt das Komitee als Organisation zur Verteidigung der Menschenrechte, einige SoldatenmĂŒtter arbeiten an der GrĂŒndung einer Partei, wobei Komitee und Partei getrennt agieren, die Konzeption der Gewaltfreiheit stellt den Hauptpunkt des Programms dar. Die SoldatenmĂŒtter wurden bereits verurteilt, etwa weil sie in London das GesprĂ€ch mit Tschetschenien-VertreterInnen gesucht haben oder Verfolgung durch den staatlichen Repressionsapparat ausgesetzt: weil ihnen organisierte KriminalitĂ€t vorgeworfen wird.

Haltung gegen den Krieg
Ida Kuklina beschreibt den Krieg als eine schmutzige Angelegenheit, alle im Krieg Beteiligten begehen daher Verbrechen. Der Krieg ist Schmutz und Verbrechen, die Armee verfĂŒgt ĂŒber Lehrmaterial fĂŒr Soldaten: dargestellt wird, wie mit TschetschenInnen umzugehen ist: die Soldaten sollen Foltermethoden anwenden. Krieg ist immer ein Verbrechen. Daher muss Frieden immer unser Ziel sein.

Armee-Kritik
Die SoldatenmĂŒtter sind keine Pazifistinnen, sie fordern die Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht ein und wĂŒnschen sich die EinfĂŒhrung eines Berufsheeres. Die Armee sollte demokratisch sein, ihre Aufgabe im Schutz der Person, der Gesellschaft und der Regierung bestehen, dies könne von Profis besser gewĂ€hrleistet werden, derzeit wĂŒrden die Aufgaben nicht erfĂŒllt: die Soldaten sind in der jetzt vorherrschenden Heeresstruktur Sklaven, die Regierung verhĂ€lt sich diesen Sklaven gegenĂŒber verantwortungslos.

Motivation
Die Motivation ihres Engagements sieht Ida Kuklina in der Liebe zu den Kindern, im Erhalt ihrer Gesundheit und ihres Lebens. Zu Grunde liegt die Liebe, deshalb verteidigen die SoldatenmĂŒtter die Rechte der Kinder.

Arbeitsschwerpunkte
Das primĂ€re Engagement besteht darin, die Rechte der einberufenen Soldaten zu verteidigen. Es werden schriftliche Eingaben gemacht, das Komitee beschĂ€ftigt sich jĂ€hrlich mit etwa 1000 Menschen, aus Tschetschenien konnten bereits zwischen 400 und 500 Soldaten zurĂŒckgeholt werden, wesentlich schwieriger ist es, die zurĂŒckgekehrten Soldaten zu legalisieren, ihnen ein Leben zu ermöglichen.

Konkrete AktivitÀten
Die russischen SoldatenmĂŒtter suchen jene Soldaten, die im Krieg sind, suchen ihre toten Körper, heben GrĂ€ber aus und suchen nach identifizierbaren Leichen oder GegenstĂ€nden, um der Suche nach den Söhnen ein Ende bereiten zu können. Sie holen die Söhne aus dem Krieg zurĂŒck, die Familie erhĂ€lt von offizieller Seite keine Information ĂŒber den Aufenthaltsort ihrer Kinder. Das Komitee skandalisiert mittels intensiver Öffentlichkeitsarbeit die Verfehlungen der Armee, im Bewusstsein, durch breite UnterstĂŒtzung der Zivilgesellschaft mehr Soldaten retten zu können. Das Komitee ist in der Bevölkerung anerkannt und erhĂ€lt UnterstĂŒtzung.

Internationale Zusammenarbeit
Das Komitee arbeitet mit Organisationen, die sich fĂŒr Menschenrechte einsetzen, zusammen und erfĂ€hrt SolidaritĂ€t fĂŒr das Eintreten fĂŒr Menschrechte und Frieden im Tschetschenien-Krieg, 1996 wurde den russischen SoldatenmĂŒttern der „Alternative Nobelpreis“ verliehen.

AktivitÀten in Tschetschenien
WĂ€hrend des ersten Krieges (1994 bis 1996) waren die Grenzen offen, die SoldatenmĂŒtter konnten problemlos nach Tschetschenien einreisen, mit Beginn des zweiten Krieges (seit 1999) wurden die Grenzen geschlossen, die Grenzkontrollen sind schwer zu ĂŒberwinden, die Einreise ist sehr gefĂ€hrlich. WĂ€hrend im ersten Krieg humanitĂ€re Hilfe zugelassen wurde, ist es mit Beginn des zweiten Krieges kaum mehr möglich, die Grenzen zu ĂŒberwinden.

Auswirkungen des Krieges
WĂ€hrend die russische Gesellschaft zu autoritĂ€reren Strukturen tendiert, wurden in Tschetschenien die gesellschaftlichen Strukturen zerschlagen, es herrscht ein Krieg Jede/r-gegen Jede/n, dabei werden die TschetschenInnen fĂŒr die gesellschaftlichen VerhĂ€ltnisse verantwortlich gemacht. Ida Kuklina bezeichnet den Krieg als offene Wunde: er hat negative Auswirkungen auf die seelischen, wirtschaftlichen, sozialen und außenpolitischen Beziehungen. Wer im Krieg war und zurĂŒckkehrt, ist nicht mehr in der Lage weiterzuleben. Es gibt eine Studie ĂŒber zurĂŒckgekehrte Soldaten: 5% begehen Selbstmord, 30% haben ihr Leben im Bereich der gesellschaftlich kriminalisierten SphĂ€ren organisiert, 60% konnten keine Lohnarbeit mehr finden, fast niemanden ist es gelungen, ein normales Leben zu fĂŒhren.

Engagement gegen den Krieg
Das Komitee setzt sich gegen Menschenrechtsverletzungen und fĂŒr Frieden in Tschetschenien ein: weil russische Soldaten morden und getötet werden.
Ein Teil der russischen StreitkrĂ€fte ist stĂ€ndig stationiert: umgeben von Minenfeldern und Stacheldraht, niemand kann das GelĂ€nde verlassen, wer hinausfahren muss, kann dies nur im Panzer, schwer bewaffnet, in „Feindesland“, die Situation ist schlimmer als in einem Gefangenenhaus, rund um das GelĂ€nde befinden sich „Feinde“, die gewöhnlichen Einheiten sind nur stationiert, selten an KĂ€mpfen beteiligt, fĂŒr die Kampfe gibt es Spezialeinheiten, daher ist der Abzug der stationierten StreitkrĂ€fte eine lĂ€cherliche Forderung in bezug auf eine Konfliktlösung.

Situation tschetschenischer Frauen
Frauen leisten in dieser Kriegssituation umfassend Arbeit zur Aufrechterhaltung der Lebensmöglichkeit, organisieren die Versorgungsstruktur, da sich die MĂ€nner im Widerstandskampf befinden, es gibt zahlreiche politische AktivitĂ€ten, seit 1994 arbeiten die russischen SoldatenmĂŒtter mit tschetschenischen Frauen zusammen.

LösungsansÀtze
Ida Kuklina definiert die politische Strategie dieses Krieges als eine, die dem Aufbau einer neuen Weltordnung dient: militĂ€rische wird als humanitĂ€re Intervention verkauft. Die EU mĂŒsste sich stĂ€rker einbinden, etwa durch das Prozedere der Wahlbeobachtungen, internationales Engagement ist gefordert, Lösungsmöglichkeiten sind im Zusammenhang mit den Problemen im Kaukasus zu sehen.

Konstituierung der „Geeinten Volkspartei der SoldatenmĂŒtter“
Neben dem Komitee hat sich mittlerweile die Partei „Geeinte Volkspartei der SoldatenmĂŒtter“ entwickelt, die um ihre offizielle Anerkennung ringt. Das 12 Abschnitte umfassende Parteiprogramm formuliert folgende grundsĂ€tzliche Ausrichtung: „Wir, die Mitglieder der Geeinten Volkspartei der SoldatenmĂŒtter bekunden unsere Absicht, fĂŒr den Aufbau einer freien Gesellschaft freier BĂŒrger in Russland einzutreten, einer Gesellschaft, die die Interessen aller sozialen Bevölkerungsgruppen harmonisch berĂŒcksichtigt. Wir wollen unseren Beitrag zur GewĂ€hrung der Gleichheit aller vor dem Gesetz leisten, der gleichen Verantwortung jedes BĂŒrgers vor dem Gesetz, unabhĂ€ngig von seiner sozialen Lage oder seiner Dienststellung in der staatlichen Verwaltung. Wir wenden uns gegen jede Gewalt und wollen uns fĂŒr die Herstellung eines gesellschaftlichen Friedens im Land sowie fĂŒr die Mehrung des materiellen und geistigen Wohls des russlĂ€ndischen Volkes einsetzen. Unsere Partei vertritt die Interessen der Zivilgesellschaft sowie jener sozialen Gruppen, denen der Staat keine Beachtung schenkt. Die Partei initiiert und transportiert den Einfluß der Gesellschaft auf die Politik des Staates, vertritt die Interessen der Bevölkerungsmehrheit und stimuliert das gesellschaftliche Engagement und das Verantwortungsbewusstsein der BĂŒrger in der Russischen Föderation.“ Die Partei fordert das Recht der Kinder auf ein Leben in Gesundheit in einem friedlichen Land ein, die Wahrung der MenschenwĂŒrde sowie der verfassungsmĂ€ĂŸigen Rechte und Freiheiten, das Recht auf Bildung fĂŒr alle, eine Politik der Gewaltlosigkeit, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, eine Politik der sozialen Verantwortung des Staats gegenĂŒber den schwĂ€chsten Mitgliedern, den Ausbau der Zivilgesellschaft, Meinungsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit, die BekĂ€mpfung aller Formen von Extremismus, Gewalt und Diskriminierung, staatliche Wirtschaftsregulierung zum Wohle aller Menschen, in bezug auf das MilitĂ€r wird Demokratisierung durch Schaffung einer Berufsarmee eingefordert. Die Partei wendet sich explizit an die Frauen: „Die Partei ruft alle Frauen Russlands, die an einer friedlichen und glĂŒcklichen Zukunft Russlands, an einer Wahrung der Interessen unserer Kinder und an einem ruhigen und gesicherten Lebensabend unserer Eltern interessiert sind, dazu auf, mit uns zusammenzuarbeiten und sich an unserer politischen Arbeit zu beteiligen. Die Partei ist ĂŒberzeugt, dass wir Frauen diese einfachen, aber ĂŒberaus wichtigen Ziele erreichen können.“

Bei aller WidersprĂŒchlichkeit in Hinblick auf die nationale Ausrichtung und dem Festhalten an militĂ€rischen Strukturen bewirken die von Furchtlosigkeit und Durchsetzungsvermögen geprĂ€gten AktivitĂ€ten der russischen SoldatenmĂŒtter ein Durchbrechen des Schweigens ĂŒber die Tschetschenien-Kriege.

Um mit den Worten einer Soldatenmutter zu schließen: „MĂŒtter, gebt ihnen Eure Söhne nicht! Wir sollten die Einberufungen zu Fall bringen. Gestern hat der Verteidigungsminister Gratschow uns SoldatenmĂŒtter kriminell genannt. Gut so: Seid kriminell! Aber lasst eure Söhne nicht dienen!“

rosalia krenn
arge wehrdienstverweigerung, gewaltfreiheit & flĂŒchtlingsbetreuung

Fußnote:
(1) Die Geschichte der TschetschenInnen ist von zahlreichen WiderstandskĂ€mpfen geprĂ€gt: 1785 bis 1791 fĂŒhrte Scheich Mansur den bewaffneten Widerstand gegen die russische Kolonialmacht, 1859 wird Tschetschenien an das zaristische Russland angegliedert, 1921 nach kurzem Bestehen einer autonomen Bergrepublik unter massiven Widerstand bis in die 1940iger Jahre der Sowjetunion einverleibt, 1944 wird die 1936 gegrĂŒndete ‚Autonome Sowjetrepublik Tschetschenien-Inguschetien’ aufgelöst, die TschetschenInnen und InguschetierInnen kollektiv der Kollaboration mit den Nazis beschuldigt, nach Zentralasien deportiert, 1957 kehren infolge eines Dekrets zur Rehabilitierung die TschetschenInnen zurĂŒck, die Republik wird wieder hergestellt, 1991 verkĂŒndet PrĂ€sident Dudajew die UnabhĂ€ngigkeit, die von Moskau als illegal bezeichnet wird, der Ausnahmezustand wird verhĂ€ngt, per Referendum trennt sich Inguschetien von Tschetschenien, 1992 nimmt Tschetschenien anstelle der Unterzeichnung eines Föderatiosvertrages eine eigene Verfassung an, Russland zieht seine Truppen ab, Dudajew löst 1993 das tschetschenische Parlament auf, verweigert die Beteiligung an den russischen PrĂ€sidentschaftswahlen und einem Referendum ĂŒber die neue Verfassung, 1994 unternimmt die von der russischen Regierung unterstĂŒtzte Opposition einen missglĂŒckten Umsturzversuch, am 11. Dezember 1994 marschieren die russischen Truppen in Tschetschenien ein, 1996 wird der erste Krieg beendet, 1997 ziehen die letzten russischen Truppen ab, Maschadow wird unter Aufsicht der OSZE zum PrĂ€sidenten gewĂ€hlt, mit Moskau ein Friedensvertrag gschlossen, 1998 wird Schamil Bassajew beauftragt, die neue Regierung einer Republik zu bilden, vor dem Hintergrund wachsenden islamischen Einflusses des Wahhabismus kommt es zu erbitterten KĂ€mpfen, die Maschadow 1999 zur EinfĂŒhrung der Scharia veranlassen, die inneren Unruhen und die trotz fehlender Beweise den TschetschenInnen zugeschriebenen AnschlĂ€ge in Russland sind unter der Legitimationsformel ‚Krieg gegen Terror’ der Vorwand fĂŒr den Beginn es zweiten Krieges, der bis heute andauert.



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